Mittwoch, 5. Dezember 2012

Philosophie-Essay: Der Zweck von Religionsgemeinschaften

Ich poste hier dann mal die ungekürzte Fassung meines Philosophie-Essays zum Thema "Gesellschaftlicher Zweck von Religionsgemeinschaften".

Essay: Der gesellschaftliche Zweck von Religionsgemeinschaften

 

Im Folgenden werde ich den Zweck, den Religionsgemeinschaften in Gesellschaften er- füllen können, erarbeiten und im Anschluss etwaige aus diesem Zweck oder dem Versuch seiner Erfüllung resultierende gesellschaftliche Risiken darstellen. Vorab müssen jedoch eine kurze Begriffserklärung stattfinden und einige Anmerkungen ge- macht werden, um Missverständnisse beim Lesen des Textes zu vermeiden.
  • Als Religionsgemeinschaften sollen solche Vereinigungen definiert sein, in denen sich Menschen aufgrund eines gemeinsamen spirituellen Glaubens organisieren, um diesen gemeinsam zu praktizieren. Als Beispiel können hier die monotheistischen Bekenntnisre- ligionen sowie deren Unterformen, nontheistische Religionen wie der Buddhismus oder für gewöhnlich als Sekten bezeichnete Gruppen wie zum Beispiel Scientology genannt werden;
  • Als Gemeinde sollen regionale Gruppen solcher Religionsgemeinschaften definiert sein;
  • Der gesamte beschriebene Entstehungsprozess solcher Religionsgemeinschaften ist ausdrücklich nicht als bewusst gesteuerter oder im Voraus geplanter Prozess zu verstehen, sondern vielmehr als ein evolutionäres „Survival of the Fittest“ der Religionsgemeinschaften;
  • Als Gesamtgesellschaft soll eine größere Gesellschaft definiert sein, wie beispielsweise „die Deutschen“;
  • Als Subgesellschaft soll eine regionale Untergruppe einer Gesamtgesellschaft definiert sein, im Beispiel also „die Bremer unter den Deutschen“.
Um ihrem gesellschaftlichen Zweck nahe zu kommen, möchte ich mit der Entstehung von Religionsgemeinschaften beginnen. Jede solcher Gemeinschaften hat ihren Ursprung not- wendigerweise in irgendeiner Form einer ersten „Keimzelle“, einer Gruppe, die sich meis- tens um einen irgendwie gearteten „Propheten“ bildet, der einen Glauben predigt, mit dem sich die Beteiligten der Keimzelle identifizieren können. Beim Buddhismus war dies Buddha selbst, im Islam der Prophet Mohammed und im Falle von Scientology L. Ron Hubbard. Nun wachsen erfolgreiche Religionsgemeinschaften durch passive oder aktive Missionie- rung und verbreiten sich mit der Zeit auch geografisch. Wo immer danach genug Mitglieder dieser Religionsgemeinschaft nahe beieinander leben, werden sie eine Gemeinde nach Vorbild der ursprünglichen Keimzelle formen, in der sich früher oder später meistens ähnli- che Strukturen bilden, in denen ein religiös Gelehrter mit seiner Erfahrung in der Religions- gemeinschaft die spirituellen Praktiken anleitet, Glaubensinhalte an die übrigen Mitglieder vermittelt und so gewissermaßen die Gemeinde anführt.
Spätestens an diesem Punkt, je nach Wachstumsgeschwindigkeit der jeweiligen Religions- gemeinschaft jedoch wahrscheinlich schon deutlich früher, selektiert sich automatisch, ob eine Religionsgemeinschaft Potenzial hat, dauerhaft weiterzubestehen, da sie spätestens jetzt an die nächste Generation nach der Gründungsgeneration weitergegeben werden, also gewissermaßen „vererbt“ werden muss. Die üblichste Form ist dabei das Verknüpfen von Familien- und Religionsleben, beispielsweise durch Taufe und Konfirmation im evange- lischen Christentum. Um allerdings so eine tiefgreifende Verknüpfung herzustellen, muss eine Religionsgemeinschaft in ihren Praktiken Mechanismen aufweisen, die dem Glauben eine möglichst globale Bedeutung für das Mitglied der Religionsgemeinschaft geben. Dies geschieht in erfolgreichen Fällen wie den Geschichten von Christentum, Islam, Buddhis- mus, Judentum et cetera über moralische Regeln und deren religiöse Festschreibung. Dieser ganze beschriebene Prozess ist, das sei angemerkt, lediglich ein Modell, das stark vereinfacht, um die notwendigen Zusammenhänge knapp darzustellen. Der gesamte Pro- zess ist in der Realität stark variabel und kann fallabhängig sehr schnell (Scientology) oder relativ langsam (Christentum) ablaufen. Anders formuliert: Je globaler und tiefgreifender die moralischen Regeln sind, die das Glaubenssystem einer Religionsgemeinschaft ihren Mit- gliedern vermittelt, desto größer sind dessen Chancen auf Fortbestand. Auch das Wachs- tum einer Religionsgemeinschaft wird positiv beeinflusst, da Menschen auf der Suche nach Orientierung im Leben in einem fertigen Lebensentwurf, das diese Moralmaßstäbe anbieten können, eine solche Orientierung sehen können.
Hier ist der Punkt erreicht, an dem ich an das eigentliche Thema dieses Essays anknüpfen möchte: Zwar ist das Aufstellen moralischer Maßstäbe keinesfalls ein vorab geplanter Zweck solcher Religionsgemeinschaften; die Keimzellen entstehen aus dem bloßen menschlichen Trieb, sich einer Gruppe zugehörig fühlen zu wollen. Allerdings bleibt es doch ein Zweck, auch wenn es nur ein Überbleibsel aus dem Ausschlussverfahren, das der Entstehungspro- zess darstellt, und in dem es einen erheblichen Vorteil darstellt, ist.
Je größer der Anteil von Mitgliedern einer einzigen Religionsgemeinschaft an einer Gesell- schaft ist, desto besser kann dieser Zweck erfüllt werden, da ein größerer Teil der Gesell- schaft von diesem zweck erfasst wird. Daraus folgt: Eine Gesellschaft, in der der Mitglie- deranteil einer einzigen Religionsgemeinschaft so groß wie möglich ist, hat so einheitliche Moralvorstellungen wie möglich, solange in ihr keine weitere Religionsgemeinschaft mit ähnlichem Anspruch und vergleichbarer Mitgliederzahl vorhanden ist. innerhalb einer sol- chen, religiös homogenen Gesellschaft ist daher das Potenzial von Konflikten, die aus Dif- ferenzen in moralischen Vorstellungen resultieren, verhältnismäßig gering. Außerdem ent- halten solche religiösen Moralvorstellungen oftmals auch Konzepte zur Konfliktbewältigung, deren Einheitlichkeit zum innergesellschaftlichen Frieden beitragen kann.
Wenn also, zusammenfassend gesagt, eine Gesamtgesellschaft vollständig aus Mitgliedern einer einzigen Religionsgemeinschaft bestünde, so wäre diese maximal homogen in Fragen der Moralvorstellungen, die auch Werte wie Solidarität, Konfliktkultur und Affektkontrolle ent- halten können, und hätte damit die maximal durch Religion erreichbare Nähe zum idealen
innergesellschaftlichen Frieden erreicht. Dies ist also der Zweck, dem Religionsgemeischaf- ten in Gesellschaften dienen können. In der Realität beschränkt sich dieser Zweck allerdings auf Subgesellschaften wie beispielsweise Dorfbevölkerungen, da Gesamtgesellschaften so gut wie nie in Religionsfragen ausreichend homogen sind, um einen so massive Effekt zu erzeugen, doch er ist trotzdem zu beobachten. Es ist hier anzumerken, dass dieser Effekt idealisierte Bedingungen benötigt, d.h. in einer religiös homogenen Gesellschaft müssten sich alle Individuen an die durch die Religion vorgegebenen moralischen Richtlinien halten; es handelt sich sozusagen um eine gesellschaftliche Idealvorstellung ähnlich der des Sozi- alismus, doch der eigentliche Zweck ist trotzdem, wenn auch nicht im Ideal, zu beobachten. Es ist allerdings möglich, dass Religionsgemeinschaften bei der Vermittlung von morali- schen Maßstäben einen totalitären Anspruch entwickeln. Das Risiko hierzu entsteht, wenn religiös sehr homogene Subgesellschaften, die im Rahmen anderer, übergeordneter Ge- samtgesellschaften existieren, über lange Zeiträume und insbesondere mehrere Mitglie- dergenerationen hinweg zu isoliert von der übergeordneten Gesamtgesellschaft leben. Der „Mitgliedernachwuchs“ wird so im schlimmsten Fall ohne Gegenentwurf zum erlebten, re- ligiös gefestigten Gesellschafts- und Moralmodell sozialisiert. So „worst-case“-sozialisierte Mitglieder entwickeln nur einen eingeschränkten Gedankenhorizont, da sie nur ein einziges funktionierendes Konzept von Moral und Gesellschaft kennenlernen. Diese Tendenz kann sich potenzieren, wenn religiöse Traditionen diesem einzigen Konzept eine lange Historie von Funktionstüchtigkeit geben und dieses Konzept so von Generation zu Generation im- mer weiter festigen.
Wenn nun eine solche religiös homogene Kleingesellschaft im Rahmen ihrer Gesamtge- sellschaft auf einmal mit widersprüchlichen Konzepten, die, wieder im schlimmsten Fall, eine ähnliche Tradition des unkritisierten Vererbens aufweisen, konfrontiert werden, kann es passieren, dass sie sich radikalisiert und gegenüber dem fremden Konzept feindlich positi- oniert. Es kommt zu auf gesamtgesellschaftlicher Ebene innergesellschaftlichen Konflikten, deren Ausprägung jedweder Art zwischen Alltagsdiskriminierung und im schlimmsten Fall Bürgerkriegszuständen sein kann.
In diesem Szenario der langfristigen Isolation und danach Konfrontation kann es durch das Vermitteln einheitlicher Moralvorstellungen auf Subgesellschaftsebene langfristig zu einer Störung des gesamtgesellschaftlichen Friedens kommen.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Dienstag, 9. Oktober 2012

Die Podiumsdiskussion - Eine Erzählung von politischer Frustration

“Du wurdest dazu vorgeschlagen, bei einer Podiumsdiskussion mit dem Bürgermeister mitzumachen. Hast du Lust?“
Ich wusste zwar nicht, worum genau es dabei gehen würde, aber spontan sagt man zu einer Diskussion mit dem Bürgermeister, bei der man anscheinend seine Schule vertreten soll, natürlich nicht Nein. Mir wurden dann die Details mitgeteilt: Das Alles sollte am Mittwoch, den 26. September, um 18:45 stattfinden, im Zentrum der Veranstaltung sollte der Ehrengast, der Autor Zafer Senocak, stehen, der aus seinem Buch „Deutschsein - Eine Aufklärungsschrift“ lesen würde. Im Anschluss daran sollte es eine Podiumsdiskussion mit Schülern verschiedener Schulen zum Thema Intergration geben, an der untern anderen auch der Autor und Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen beteiligt sein sollten. Die gesamte Veranstaltung würde im Rahmen der Bremer Integrationswoche stattfinden.
Gesagt, getan: Ich erhielt einiges Vorbereitungsmaterial zu Zafer Senocak: Artikel von ihm und über ihn und sein Werk, Interviews mit ihm und auch sein bereits erwähntes Buch. Über seine Ideen und Ansichten zum Thema Integration war ich also nachhaltig informiert. Bei Jens Böhrnsen wurde die Recherche schon um einiges komplizierter - Es ist unglaublich, wie schwierig es sein kann, eine konkrete Meinungsäußerung eines Politikers zu einem konkreten Thema zu finden.
Zumindest über die eine Hälfte der beiden zentralen Figuren des Abends gut informiert, kam ich also mit vielleicht vierzig anderen Schülern meiner Schule zum Rathaus, wo auch jeweils ähnlich viele Schüler von drei oder vier anderen Schulen anwesend waren. Mein erster Eindruck: Viele der anderen Schüler schienen vom Thema des Abends, Integration, aufgrund ihres offensichtlichen Migrationshintergrundes persönlich betroffen und auch daran interessiert zu sein; es versprach also ein interessanter Abend zu werden.
In der historischen oberen Rathaushalle (ein wahnsinnig einschüchternder, überladener Prunkbau, angefüllt mit vergoldeten Verzierungen an Decke und Wänden, Wand- und klassischen Gemälden in Übergrößen und nicht zuletzt drei antiken, von der Decke herabhängenden Schiffsmodellen, bestückt mit viel zu vielen, viel zu großen Kanonen) dann der erste Verwirrungsmoment: In der Mitte des Raumes stand ein Tisch mit fünf Sitzplätzen, alle mit Namen versehen, doch nirgends waren Podiumsplätze für irgendwelche Schülervertreter zu sehen.
Zuerst die Lesung abwarten und im Plenum sitzen bleiben, dachte ich mir; ähnliches riet mir einer unserer begleitenden Lehrer. Ich hatte während der Wartezeit schon ein kurzes Vorstellungsstatement mit meinem Namen, Schule und Jahrgang, sowie meiner Kernfrage, kurz zusammengefasst „Welche Rolle spielt Bildung für die Intergration und Identitätsfindung, wo liegen Fehler und Potenziale?“, vorbereitet.
Nach einigen kurzen Statements des Bürgermeisters, der Zafer Senocak und sein Buch kurz vorstellte, und eines Vertreters des Bremer Unternehmerverbandes (Cornelius Neumann-Redlin), begann die Lesung. Der Autor stellte sich kurz vor und begann dann aus seinem Buch zu lesen. Einige Passagen hatte ich in der Vorbereitung schon überflogen, andere kannte ich bis dato noch nicht. Er las vor über seine ersten Tage in Deutschland, als er im Grundschulalter in Oberbayern ankam, von seinem Privatdeutschunterricht, von seinen ersten literarischen Tätigkeiten während seines Studiums und davon, dass er sich damals selbst als Deutscher wahrnahm, aber von anderen als Ausländer wahrgenommen wurde. Er erzählte vom Monokulturalismus, der, im Geiste der Deutschen fest verankert, Assimilationsgeschichten wie die Seine nicht wahrhaben könne und so Deutschlands Zukunftsfähigkeit behindere. Er erzählte auch von der Konzentration der Öffentlichen Wahrnehmung auf „Integrationsverweigerer“ und „sich abschottende Parallelgesellschaften“.
Er ging über zu Deutschlands Ruf als Kulturnation und dem Widerspruch, der sich ergibt, wenn diese Kulturnation den Kontakt mit anderen Kulturen im eigenen Land scheut und dazu, dass Begegnungen mit Kulturen in der Kindheit mit Abstand am fruchtbarsten sind, und dazu, dass Deutschland keine Einheit brauche, weil es keine gibt, und dass man auf seine Vielfalt stolz sein solle und nicht auf seine Einheit. Senocak sprach weiter vom Tenor der öffentlichen Meinung, vertreten durch Medien und Politik, der von einer Leitkultur Deutschlands spricht, die auf seiner „christlich-jüdischen Geschichte“ fuße und jede Präsenz anderer Kulturen im eigenen Land als Eingriff in diese Leitkultur versteht. Das nannte er ideologische Symbolpolitik, geprägt vom Unwissen über die eigene Geschichte, die voll von Kontakt zum Orient ist. Außerdem sei die als größtes geistiges Produkt der Deutschen gesehene Aufklärung kein Produkt „christlich-jüdischer Traditionen“, sondern musste sich extrem hart gegen diese behaupten.
An diesem Punkt hätte ich den Beginn der Diskussion erwartet; einen Aufruf an die Vertreter der Schulen, aufs Podium zu kommen. Stattdessen blieb es zu meiner äußersten Enttäuschung dabei, dass die fünf Personen auf dem Podium - Der Organisator (Dr. Helmut Hafner), Halime Cengiz als Vertreterin des Bremer Rates für Integration, Jens Böhrnsen, Zafer Senocak selbst und Cornelius Neumann-Redlin vom Unternehmerverband, Fragen aus dem gesamten Plenum entgegennahmen. Und zwar immer gleich im Dutzend, wodurch sie bis zu ihren Statements Zeit gewannen. Diese konnten sie dazu nutzen, sich Fragen zur Beantwortung und zum Ignorieren auszusuchen und diplomatische Antworten vorzubereiten. Das war nicht, was ich unter einer direkten Diskussion verstand und worauf ich mich vorbereitet hatte. Ich war aber trotzdem willens, meine Leitfrage beantwortet zu hören.
Die erste beantwortete Frage drehte sich um die Anerkennung der Feiertage anderer Kulturen und vor allem Religionen durch die Bremer Landesregierung, hierzu sagte Böhrnsen, die Bremer Landesregierung würde mit Vertretern der muslimischen Gemeinden Bremens an einem Vertrag arbeiten, der es Muslimen gestatte, sich an ihren Feiertagen freizunehmen und die verpasste Arbeit an anderen Tagen nachzuholen, solche Verträge gäbe es auch mit allen anderen großen Glaubensgemeinschaften. Außerdem wiederholte er einige altbekannte, unkonkrete Phrasen, von denen mir manche aus einigen Senatspressemitteilungen verdächtig bekannt vorkamen. Zu einer anderen Wortmeldung zitierte er G. Heinemann (SPD), der auf die Frage nach seiner Einstellung zum Patriotismus und ob er Deutschland liebe, geantwortet hatte: Deutschland ist ein schwieriges Vaterland“ und „Ich liebe nicht irgendein Land, ich liebe meine Frau“. Passte einigermaßen zum Thema, wenn auch nicht zum Kontext, und vermied eine eigene konkrete Meinungsäußerung. Meinen Respekt vor diesem gekonnten rhetorischen Schachzug. Böhrnsen sprach von sogenanntem „Verfassungspatriotismus“, auch keine eigene Idee. Es folgten weitere, von mir nicht schriftlich festgehaltene Phrasen. Zu guter Letzt zitierte er Senocak, der neben ihm am Tisch saß, mit den Worten „Liebe, die gezeigt wird, muss auch erwidert werden“, ein Satz, den dieser noch vor wenigen Minuten  (Oder war es doch schon eine halbe Stunde? Mein Zeitgefühl machte mich wahnsinnig) in seiner Lesung benutzt hatte. Er hatte sich in seinem gefühlt stundenlangen Statement um beinahe jegliche konkrete Beantwortung irgendeiner Frage herumgedrückt, nur die Erwähnung des Vertrages zum Thema Feiertage war eine solche.
Als nächstes war es an Herrn Neumann-Redlin, sein erstes Statement abzugeben. Dieses drehte sich dann tatsächlich zumindest teilweise um meine Leitfrage. Er sagte, Chancengleichheit sei wichtig und ohne sie sei auch die beste Bildung nichts wert, er und die Unternehmenerverbände unterstützten deshalb anonymisierte Bewerbungsverfahren. Er klopfte außerdem den altbekannten, so geliebten Spruch „Bildung ist der Schlüssel zu Allem“ und sah sich genötigt, nun auch einen von ihm sehr verehrten Bundespräsidenten zu zitieren. Er wählte Richard von Weizsäcker (CDU), der sagte „Deutschsein ist kein Schicksal, sondern eine Aufgabe“ und fügte hinzu, dass diese Aufgabe vielleicht sei, den Kontakt zu Anderen zu suchen und offen für Neues zu sein. Damit hatte er immerhin mehr konkrete Meinungen als der Bürgermeister geäußert, sich aber immer noch relativ bedeckt gehalten und keine direkten Antworten gegeben.
Nach Neumann-Redlin war die Vertreterin des Bremer Rates für Integration, Frau Cengiz,  an der Reihe. Sie erzählte im Kampfreden-Ton, dass sie sich weigere, sich „Ausländerin“ nennen zu lassen und rief alle im Raum dazu auf, dasselbe zu tun. Ihre Worte waren „Ihr seid keine Ausländer, ihr seid Bremer!“, woraufhin tosender Applaus die obere Rathaushalle erfüllte.
An dieser Stelle muss ich kurz eine Beschreibung des Publikums einschieben: Es handelte sich, wie erwähnt, um, grob geschätzt, 120 Schülerinnen und Schüler, von mehreren Gesamt- und Oberschulen und unserem Gymnasium, von denen augenscheinlich ein großer Teil einen Migrationshintergrund hatte. Zu Anfang der „Diskussion“ konnte ich auf einen Blick von meiner Position aus mehr als eine Handvoll Handies sehen, mit denen herumgespielt wurde. Lediglich bei Populismusmomenten wie dem oben Genannten stieg der Aufmerksamkeitspegel an. Jetzt weiter im Text.
Die Vertreterin des BRI sprach nun von ihren Kindern, die sich nicht als Deutsche und nicht als Türken fühlten, sondern als Bremer. Hier wurde ganz simpel Patriotismus durch Lokalpatriotismus ersetzt, diese Methode resultierte in allgemeine Begeisterung seitens der Ober- und Gesamtschüler; unter meinen JahrgangskollegInnen sah ich hingegen viele skeptische Gesichter. Es folgte der Aufruf, nie aufzugeben und immer gegen Diskriminierung zu kämpfen. Sie richtete sich an Alle und machte damit alle im Plenum Anwesenden gleich. Sie sagte, sie selbst sei eigentlich nur Hausfrau und engagiere sich trotzdem im BRI und auch religiös. Sie zitierte „ihren Propheten“ mit den Worten „Der beste Mensch ist der, der seinen Nächsten am nützlichsten ist“ und rief noch einmal auf, immer dagegen zu kämpfen, als Schüler mit Migrationshintergrund diskriminiert zu werden und sich zu engagieren. Sie hatte mit ihrer kleinen Rede den Teil der Schüler, die sich selbst als „deutsch“ bezeichnen würden, völlig übergangen und sich auch sonst auf platte, populistische Sprüche beschränkt, die ihr zwar eine Menge Applaus, aber keine Anerkennung als besonders intellektuell einbrachten.
Nach dieser interessanten Demonstration der Begeisterungsfähigkeit Halbstarker für Stammtischparolen war es wieder möglich, Fragen zu stellen, zumindest, wenn man einen Freund mit Mikrofon hatte, denn die beiden Mikrofone kreisten unkontrolliert unter den Schülern. Es wurden unter anderem eine Reihe Fragen an Zafer Senocak gestellt: Wie hätte er die Frage, ob er Deutschland oder dieTürkei bevorzuge, als Jugendlicher beantwortet und wie würde er sie heute benatworten? Wann ist ein Schüler integriert? Was halten sie davon, in Deutschland als Deutscher akzeptiert zu werden?
All diese Fragen zeugten davon, dass so mancher Senocaks Konzept der Bikulturalität nicht verstanden hatte, und so erklärte er es, damit es auch der Letzte verstand, mit den Worten „Man kann zwei Herzen in seiner Brust tragen“.
Einigermaßen sinnvolle Fragen gab es glücklicherweise aber auch: Warum werden trotz des Redens von Integration im Schulunterricht immer noch häufig die Unterschiede zwischen Deutschland und dem Islam betont? Wie definiert sich Deutschsein? Auf erstere Frage gab er leider keine klare Antwort, auf die zweite Frage schon: Er sagte, er hätte sich gerne vor dieser Antwort gedrückt, da sie schwer zu finden sei, aber er hätte eine ausreichende gefunden: Deutschsein heiße, die Freiheit im Land zu wahren und dieses Land weiterzuentwickeln oder zumindest den Anspruch dazu zu haben.
Abermals bekam Jens Böhrnsen das Wort. Er begann erneut mit einer Phrase: Integration sei dann erreicht, wenn man das Wort selbst nicht mehr bräuchte. Außerdem würde der Prozess der Integration kontinuierlich von alleine passieren, aber er und seine Regierung wollten sich anstrengen, um diesen Prozess zu beschleunigen. Diese zwei Sätze paraphrasieren ein eine gefühlte Ewigkeit langes Konglomerat an Sätzen, die alle dieselbe Kernaussage hatten: Ich möchte viel reden, ohne etwas zu sagen, um mein Gesicht zu wahren. Dem Großteil des Plenums schien das nicht aufzufallen. Wieder ließ sich ein Unterschied zwischen den Schülern der verschiedenen Schulen beobachten: Die SchülerInnen meiner Schule schienen enttäuscht, während die anderen Schüler entweder zufrieden oder generell desinteressiert wirkten. Wieder drängte sich mir die Frage auf, zu welchem Teil das Schulsystem an der Spaltung der Gesellschaft beiträgt und was sein Einfluss auf den „Prozess der Integration“ sein könnte. Die Ironie dieser Beobachtung ließ mich innerlich mit einem Auge lachen und mit dem anderen weinen.
Nein, eigentlich eher mit beiden Augen weinen.
Wieder Fragerunde.
An Böhrnsen: Welche konkreten Maßnahmen wird er ergreifen, um den Prozess der Integration zu fördern? Warum werden keine Maßnahmen gegen Diskriminierung im Bildungssektor ergriffen? Selbstverständlich ließ Böhrnsen beide Fragen in seinem nächsten Statement unbeantwortet.
An Zafer Senocak: Unterscheiden sich bei seinen Texten der deutschsprachige und der türkischsprachige Autor? Stimmt es, dass, je gebildeter alle Mitglieder einer Gesellschaft sind, der Begriff Integration immer mehr an Bedeutung verliert? Und als dumme Frage: Was sei seiner Meinung nach die deutsche Leitkultur? Er beantwortete die erste Frage damit, dass diese beiden Autoren völlig verschiedene seien, denn die Sprachen seien so unterschiedlich, dass auch zwei Typen von Autor aus ihnen entstehen. Die zweite Frage beantwortete er im Wesentlichen mit einem „Ja“, auf die dritte ging er gar nicht erst ein.
Ab hier verlief die Diskussion mit einigen Schlussstamements im Sande. Zafer Senocak sagte, er sei begeistert davon, wie viele engagierte Schüler (bei diesen Worten musste ich unwillkürlich zu der Handvoll Handies schielen und schmunzeln) sich hier eingefunden hätten, und dass das das erste Mal gewesen sei, dass er so etwas erlebt hätte. Jens Böhrnsens Schlussstatement wiederholte im Grunde genommen nur seine vorangegangenen Phrasen.
Im Gehen unterhielt ich mich mit einem Mitschüler über diese Veranstaltung; wir waren einer Meinung in unserer Enttäuschung über das, was uns und unseren Lehrern im Voraus als „Podiumsdiskussion“ angekündigt worden war und über die Qualität der einzelnen Podiumsteilnehmer.
An dieser Stelle gibt es nicht mehr viel zu sagen. Meine wesentliche Kritik sollte aus der Erzählung der Veranstaltung hervorgegangen sein, meine Enttäuschung auch. Zusammenfassend kann ich nur sagen:

1.) Erwarte nie zu viel, wenn amtstragende Politiker zur Diskussion einladen. Du wirst höchstwahrscheinlich keine Antworten erhalten, die dir weiterhelfen könnten.

2.) Autoren intelligenter, gesellschaftskritischer Texte sollten vorher informiert werden, auf welchem intellektuellen Niveau das Bildungssystem dieses Landes einen Großteil seines Auditoriums leider zurückgelassen hat, ansonsten droht Enttäuschung aufgrund von Nicht-Verstanden-Werdens.

Beste Grüße aus dem Tal der Verdammnis Symbolpolitik,
Fortytwo

Dienstag, 21. August 2012

:(

Mach die Augen zu und küß mich
Mach mir ruhig etwas vor
Ich vergesse
was passiert ist
Und ich hoffe und ich träume
Ich hätt' dich noch nicht verlorn

Mittwoch, 25. Juli 2012

Ein echtes Genie

Ich kenne nur wenige Künstler, die es überhaupt schaffen, Komik und ernste Inhalte sinnvoll zu verbinden.
Aber einer kann das besser als alle mir bekannten Anderen.
Ich spreche von Rainald Grebe.
Einerseits macht er Lieder wie Diktator der Herzen, Der Präsident oder Prenzlauer Berg, die lustig anzuhören sind, aber auch schon ein einigermaßen ernstes Thema, andererseits macht er Lieder, die immer noch unterhaltsam, aber sehr emotional sind. Beispiele sind Der Mann ohne Gefühle, Verliebt oder, mein Favorit, Krümel.
Ich glaube, ich bin Fan ;)
Mal sehen, ob ich irgendwie Tickets für sein konzert im November in Bremen kriegen kann :P
Gruß,
fprtytwo

Sonntag, 10. Juni 2012

Stimmen aus dem Internet

Moin!
Wie versprochen: Es geht weiter.
Heute geht es mal um etwas, womit ich mich schon länger beschäftige: Podcasts. Sich damit zu beschäftigen heißt hier, sie zu hören.
Es fing alles damit an, dass ich irgendwann die LateLine im Nachhinein als Mitschnitt zum herunterladen, also als Podcast zu hören, weil ich live nicht immer Zeit hatte.
Über Holger Klein, der dienstags die LateLine moderiert, bin ich dann auf die GWUP und von da auf die Podcasts von "RacoChew Productions", einem Ehepaar aus Münster bzw. bald Hamburg, gekommen. Diese sind Hoaxilla, in dem sie zu zweit moderne Sagen, Verschwörungstheorien und esoterische Themen erklären und aufdecken, und das Skeptoskop, in dem Alexander alleine wichtige und bekannte Mitglieder der GWUP vorstellt und so der Verein selbst dargsetellt wird.
Später kam ich dann über Holgi selbst zu NSFW, ein "Wir reden allen möglichen Kram ins Internet"-Podcast, den er mit Tim Pritlove, einen der wenigen Menschen in Deutschland, der vom podcasten leben kann, macht. Leider nur ein Mal im Monat oder seltener, aber dafür umso unterhaltsamer.
Von da bin ich dann zu WRINT gekommen. Das ist ein Sammelbegriff von eigentlich mehreren Podcasts mit verschiedenen Konzepten, die Holger Klein unter dem Motto "Wer redet ist nicht tot" produziert und veröffentlicht.
Warum verschwende ich so viel Zeit darauf, irgendwelchen Leuten zuzuhören, wie sie ins Internet reden?
Ich weiß es auch nicht so genau.
Ich finde es einfach faszinierend, Leuten zuzuhören, wie sie sich unterhalten. Wahrscheinlich ist es das Medium Sprache an sich, das mich so fasziniert. Jedenfalls höre ich gerne Leute miteinander reden. Daher sind an allen Podcasts die ich höre auch immer mindestens zwei Personen beteiligt.
Nun ja, wer mag, kann sich ja mal anhören, was ich mir so anhöre. Links sind alle gesetzt, außerdem gibts das alles auch bei iTunes (ganz für umsonst) ;)
Bis denn,
Fortytwo

Sonntag, 3. Juni 2012

Reanimation.

Dieser Blog ist hiermit offiziell wiederbelebt.
Ich habe in den letzten Monaten merklich wenig Zeit gefunden, hier zu schreiben.
Das soll sich mal wieder ndern. Ich habe eine Menge Themen, zB Podcasts, MUNs, YouTube, Let´s Plays und die, die mir gerade nicht einfallen.
Also:
Es geht weiter.
In diesem Sinne,
Fortytwo